Der Körper lügt nicht, aber immer mehr Körper müssen lügen

Auf Journal 21 hat Eduard Kaeser einen lesenswerten Artikel über das Verhältnis des fortgeschrittenen Menschen zum eigenen Körper geschrieben:

Was man ist, manifestiert sich an den Markierungen, die man sich selbst, d. h. seinem Körper, penibel zufügt. Von der Frisur, dem Parfüm, den Textilien, über Gestik und Mimik bis zu lederhartem Bauch, Tattoo, Piercing oder der chirurgischen Modifikation eines Körperteils trägt man heute buchstäblich Körper.

Quelle: Mein Ich in schönerer Ausführung

Was der Energieraub der Mensch, in Form seines technologischen Fortschritts, für Spuren an den Körpern von Räubern und Beraubten, von beraubten Räubern und raubenden Beraubten hinterlässt, lässt sich immer besser verstecken. Offensichtlich geht Energieraub, sprich, die Abhängigkeit von Fremdenergie, ebenfalls einher mit der Fähigkeit, immer offensichtlicher Werdendes immer besser verstecken zu können, eben weil immer mehr Menschen immer mehr Fremdenergie zur Verfügung steht.

Wenn Spuren am Körper versteckt oder entfernt werden, dann gehen auch die Ursachen dahingehend verloren, dass nicht mehr erkennbar oder nachvollziehbar ist, was dem Körper eigentlich zugestoßen ist, Mitunter entsteht sogar ein trügerisches Bild, das umso mehr trügt, je besser etwas versteckt werden kann oder aber je mehr ansonsten Erkennbares versteckt wird.
Angenommen es gäbe keine Endlager für atomaren Abfall tief unter der Erde, wo kaum ein Mensch hingelangt, sondern der Abfall würde in gläsernen Containern öffentlich in den frequentierten Innenstädten ausgestellt. Oder all der Elektronikschrott, der im Land anfällt und in die Küstengebiete armer Länder verschifft wird. Wie gingen wir dann mit Energie und mit unseren Gütern um? Was das mit dem Körper zu tun hat?

Wie gingen wir mit dem Alter und dem Tod um, wenn man nicht künstlich das wahre Alter und dessen Spuren versteckte, sondern dazu stünde, wie alt man ist und was das Altern mit sich bringt? Wie gingen wir mit der Zunahme von Krebsfällen um, wenn man den haarlosen Kopf nach Chemo/Bestrahlung zur Schau stellte? Keine Perücke, keine Kopfbedeckung, nur Spuren.
Weder das Altern noch Krebs würden dermaßen problembehaftet von der Gesellschaft wahrgenommen werden, wenn der Körper bei der Wahrheit bleiben könnte, anstatt lügen zu müssen, nur weil die Gesellschaft mit der Wahrheit ein Problem hat. Eines, das obendrein umso problematischer wird, je mehr der Anschein von Normalität in der Öffentlichkeit trügt.

Von Natur aus ist jeder Körper eines Lebewesens, egal, ob Bakterium, Pflanze, Tier oder Mensch, das Lebewesen und dessen Umwelt. Jeder Körper ist die Verkörperung einer Lebensgeschichte, die in all jenen Umwelten spielt, die den Körper geprägt haben und bis zum Tod noch prägen werden. Gleichfalls gilt, dass Symptome das Vokabular jeder Krankheitsgeschichte sind, die ihrerseits teils sehr deutliche Spuren hinterlassen. Die Vokabeln zu ignorieren oder zu beseitigen, bedingt nicht, dass die Geschichte nie geschehen ist, sondern nur, dass sie nicht mehr erzählt werden kann und keine Spuren mehr vorhanden sind, um den wahren Umständen einer Krankheit im Umfeld des Körpers nachgehen zu können.

Wo fängt ein Körper an, wo hört er auf, wenn es auch die Umwelt ist, die sich als dieser Körper verkörpert? Das Altern, genau wie Krebs, sie sind ein Gesellschaftsproblem, nicht das Problem eines einzelnen Körpers und schon gar kein Problem, das vom Körper allein gelöst werden kann. Solange aber immer weniger Körper die Wahrheit erzählen dürfen, solange sorgt die Lüge dafür, dass sich eine Gesellschaft vor sich selbst verstecken kann und das als ganz normal empfindet – während weiterhin mehr Menschen an Krebs erkranken und diese jünger werden und immer Jüngere bestrebt sind, immer länger nicht alt auszusehen und immer Ältere versuchen, möglichst lange jünger zu erscheinen. Das braucht in der Tat jede Menge Energie, über die kaum ein menschlicher Körper von Natur aus verfügt, zumal einfach gesund zu bleiben, all der Lügen wegen, auch nicht einfacher wird, denn die Krux des Lebens ist, dass Gesundheit für jedes Lebewesen zwar die langsamste Form des Todes ist, Krankheit aber für das Leben der schnellste Weg ist, um gesund zu bleiben.

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